Kunstkommunikation um Lois Weinberger

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Teil der Reihe
Kunstkommunikation
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Einführung in die Themenreihe
Kunstkommunikation um
Song Dongs Doing Nothing Garden
Kunstkommunikation um
Lois Weinberger


Dieser Artikel beschreibt die Kunstkommunikation um Lois Weinbergers künstlerisches Werk.

Zentrale Themen

Der österreichische Künstler Weinberger hat sich in seinem Schaffen ausgiebig mit Pflanzen, der Dynamik von urbanen und wilden Lebensräumen und dem Zusammenwirken von Kunst, Mensch und Natur auseinander gesetzt. Nach seinem Tod im April 2020 sind in der deutschsprachigen Presse Nachrufe erschienen, die Einblick in die öffentliche Wahrnehmung von Weinbergers Gesamtwerk geben. Aber auch andere Texte – von ihm und über ihn – wurden zur Analyse herangezogen.

Selbst- und Fremdwahrnehmung

Um die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Weinberger nachzuzeichnen, wurden in Texten, die von ihm selbst geschrieben wurden, sowie fremdverfassten Artikeln (z.B. aus der Zeitschrift Bauwelt) sämtliche Künstlerbezeichnungen gesammelt.

Seine Eigenwahrnehmung sticht dadurch hervor, dass er sich selbst als Feldarbeiter, Forscher und Betrachter sieht. Die Fremdwahrnehmung lässt sich in unterschiedliche Domänen unterteilen: Handwerk/Vorgehen, Natur/Garten, Poesie, Kunst, Zukunft und Ikone.

Es zeigt sich, dass die Fremdwahrnehmung sich zwar auf Weinbergers Eigenwahrnehmung bezieht, sie gleichzeitig aber auch erweitert und teils sogar von ihr abweicht. Insbesondere die Domänen Natur/Garten, Politik und Zukunft verweisen auf seine umweltaktivistischen und politischen Tendenzen. So wird er u.a. als „Vordenker“ im Bereich Kunst und Natur, „Schutzpatron der Ruderalpflanzen“ (derstandard), „Meister des ‚Unkrauts‘“ (br) oder "[A]hnherr des Guerilla-Gardenings“ (FAZ) gesehen.

Weitere Informationen finden sich in dieser interaktiven Präsentation

Dynamiken in den Werken Weinbergers und in der Kommunikation darüber

Wenn man sich auf sprachlicher Ebene intensiver mit Weinbergers Kunst auseinandersetzt, fällt insbesondere eine der Kunst innewohnende Dynamik auf. Diese macht sich auf mehreren Ebenen bemerkbar.

Die erste bildet die sprachlich-literarische Ebene, vor allem zu erkennen in Notizen, Gedichten, Titeln oder kurzen Ausführungen zu und über seine Kunst. Eine weitere Ebene bilden die einzelnen Kunstwerke an sich, dort findet man die Dynamik zum Beispiel bei den verwendeten Materialien oder auf den verschiedenen Bedeutungsebenen wieder. Zuletzt erkennt man die Dynamik auf der Ebene des Spannungsverhältnisses von Mensch – Kunst – Natur und deren wechselseitigen Beziehungen untereinander. Besonders dieses letzte Verhältnis wird auch wiederholt in den Nachrufen thematisiert.

Das Verhältnis von Mensch, Kunst und Natur in Weinbergers Schaffen

Das Kunstwerk „Das über Pflanzen ist eins mit ihnen“ wurde 1997 zur documenta 10 am alten Gleis 1 des Kasseler Hauptbahnhofs gepflanzt und existiert bis heute.

Weinberger nähert sich über seine Werke der Beziehung zwischen Mensch, Kunst und Natur an. Für ihn sind alle drei Bereiche gleichermaßen wichtig. Indem er sich der Natur über seine Kunst annähert, will er den klassischen Kunstbegriff, der mit Künstlichkeit, Gemachtheit und Herstellungsprozessen assoziiert wird, umkehren in einen Kunstbegriff, der die natürliche Selbstgestaltung durch den Gegenstand – die Natur – zulässt. Kunst und Natur sind in seinem Weltbild keine Gegensätze, sondern durchaus vereinbar in einer menschlichen Gesellschaft, die das zulässt. Denn dann können – so Weinberger – Mensch, Kunst und Natur voneinander profitieren. Indem der Künstler nichts neues anfertigt, sondern bestehende Gegebenheiten nutzt und innovativ umstrukturiert, trägt er zu der Annäherung zwischen Kunst und Natur bei. Gleichzeitig setzt er durch seine Kunst ein Zeichen für die bewusste Wahrnehmung der Natur und den Klimaschutz und gegen die rücksichtslose Ausbeutung des Planeten.[1] Das Kunstwerk „GARTEN - eine poetische Feldarbeit“ im Rahmen der „Ruderal Society“, die Weinberger mehrfach inszeniert hat (zuletzt auf der documenta 14), ist ein geeignetes Beispiel, um seinen Blick auf die Natur zu verdeutlichen. Weinberger hat dafür einen Stahlkubus in den urbanen Raum integriert, in dem es zu ‚Spontanvegetation‘ kommen sollte. Er schafft der Natur sozusagen eine „Lücke im urbanen Raum“, einen Platz in der Gesellschaft. Genau dieses Konzept wird auch in den Nachrufen seit April 2020 wiederholt aufgegriffen.

Der Nachruf als konzentrierte Wahrnehmung von Mensch und Gesellschaft

Weinberger ist im April 2020 verstorben. Bei Personen des öffentlichen Lebens ist es in der deutschen Presse üblich, sie nach ihrem Tod mit einem Nachruf zu würdigen.[2] Ein solcher Nachruf skizziert das Leben der Person und legt Schwerpunkte in der Bewertung dessen, was diese Person besonders und wichtig für die Gesellschaft gemacht hat. In der Auswahl dieser Schwerpunkte schwingt immer auch eine gewisse Gewichtung mit, die etwas darüber aussagt, wie wir unsere Gesellschaft wahrnehmen und was als wichtig empfunden wird [3].

Bei Weinberger zeigt sich das am Schwerpunkt Umwelt. Ein Kunstwerk, das in allen von uns untersuchten Nachrufen als repräsentatives Beispiel seines Arbeitens benannt wird, wurde 1997 auf der documenta 10 am Kasseler Hauptbahnhof gezeigt: „Das über Pflanzen / ist eins mit ihnen“. Die Nachrufe betonen bei diesem Kunstwerk zunächst den Umweltaspekt. So werden die Produkte von Weinbergers Arbeit als „Pflanzen-Werke“ bezeichnet (BR) oder als „Gartenkunst“ (FAZ). Ausgehend von diesem Punkt werden teilweise noch andere Themen wie Migration beleuchtet: „Er ließ die Menschen anhand einfacher Pflanzen über Migration, Fremdheit und Randlagen nachdenken“ (FAZ).[4] So rückt in der Wahrnehmung Weinbergers und seiner Arbeiten die Verbindung von Natur, Kunst und Mensch als Kernthema in den Fokus.

Belege

  1. Winiwarter, Verena; Bork, Hans-Rudolf (2019): Geschichte unserer Umwelt. Sechzig Reisen durch die Zeit.. Stuttgart: primus, S. 13.
  2. Hanus, Anna (2016): Der Nachruf in der polnischen und der deutschen Presse anhand der Texte um den Tod von Marcel Reich-Ranicki. In: Kaczmarek, Dorota (Hrsg.) (Hrsg.): Politik - Medien - Sprache: deutsche und polnische Realien aus linguistischer Sicht, Łódź: Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego, S. 119-134, hier S.120.
  3. Hanus, Anna (2016): Der Nachruf in der polnischen und der deutschen Presse anhand der Texte um den Tod von Marcel Reich-Ranicki. In: Kaczmarek, Dorota (Hrsg.) (Hrsg.): Politik - Medien - Sprache: deutsche und polnische Realien aus linguistischer Sicht, Łódź: Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego, S. 119-134, hier S.131.
  4. Trinks, Stefan (22.04.2020): LandArtist Lois Weinberger tot : Der Feldarbeiter der Kunst. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Online, zuletzt abgerufen am 14.02.2022.



Autor*innen

Erstfassung: Sarah Engelhard und Lotta Hoffmann am 16.06.2021. Grundlegend erweitert und überarbeitet durch Paul Reszke am 09.10.2021. Den genauen Verlauf aller Bearbeitungsschritte können Sie der Versionsgeschichte des Artikels entnehmen; mögliche inhaltliche Diskussionen sind auf der Diskussionsseite einsehbar.

Zitiervorlage:
Engelhard, Sarah; Hoffmann, Lotta; Reszke, Paul (2021): Kunstkommunikation um Lois Weinberger. In: Böhm, Felix; Böhnert, Martin; Reszke, Paul (Hrsg.): Climate Thinking – Ein Living Handbook. Kassel: Universität Kassel. URL=https://wiki.climate-thinking.de/index.php?title=Kunstkommunikation um Lois Weinberger, zuletzt abgerufen am 10.12.2022.