Benutzer: Nele Fuchs/Werkstatt
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Virtual Witnessing
In diesem Artikel wird die literarische Technologie des virtual witnessing (dt.: virtuelles Bezeugen) nach Steven Shapin und Simon Schaffer vorgestellt. Mithilfe dieser Methode wird Rezipient*innen ermöglicht, ein beschriebenes Phänomen so nachzuvollziehen, als ob sie selbst bei dessen Beobachtung dabei gewesen wären.
Wissenschaftsgeschichtliche Hintergründe der Debatte
In ihrem 1985 erschienenen Werk Leviathan and the Air-Pump. Hobbes, Boyle, and the Experimental Life zeichnen die Autoren Steven Shapin und Simon Schaffer die Debatte nach, die Thomas Hobbes und Robert Boyle Mitte des 17. Jahrhunderts um Boyles Experimente mit einer Luftpumpe führten. Diese Debatte trug maßgeblich dazu bei, dass sich das Experiment als wissenschaftliche Methode gegenüber anderen Wissensformen durchsetzte.
Denn in den späten 1650 und frühen 1660er Jahren, als der irische Naturwissenschaftler Robert Boyle in England die sogenannten pneumatischen Experimente durchführte, waren Experimente als gültige wissenschaftliche Methode nicht so etabliert, wie sie es für uns heutzutage sind.[1]
Dass er also im Gegensatz zu zeitgenössisch gleichermaßen anerkannten alternativen Programmen der Wissensproduktion[2] (vgl. ebd., eig. Übersetzung) hauptsächlich Experimente als Mittel der Wissensgenerierung nutzte, brachte ihm einen Streit mit dem Philosophen Thomas Hobbes ein. Im Zentrum dieses Streits über die Experimente mit der Luftpumpe standen die Fragen, „how claims were to be authenticated as knowledge. What was to count as knowledge, or ‚science‘? How was this to be distinguished from other epistemological categories, such as ‚belief’ and ‚opinion‘?“.[3] Die grundlegende Frage, ob Experimente überhaupt ein geeignetes Mittel sind, um etwas über die Eigenschaften der Luft zu erfahren, war zu diesem Zeitpunkt also noch nicht geklärt und die Validität der experimentellen Methode musste sich noch durchsetzen.[4]
Während Schaffer und Shapin so die Bedeutung dieser Debatte für die Geschichte der Wissensproduktion herausarbeiten, stellen sie fest, dass Boyle drei zusammenhängende Technologien nutzt, um Tatsachen zu erfassen: eine materielle, eine soziale und eine literarische. Die materielle Technologie ist der Apparat oder die Maschine, mit der das Experiment durchgeführt wird. Dieses Gerät soll “subjektunabhängige ‘matter[s] of fact’”[5] hervorbringen, „denn indem Phänomene qua Apparat und damit mechanisch hervorgebracht wurden, sollte ihre Gemachtheit durch Menschenhand verdeckt werden“[6]: Die Maschine liefert ‚objektive’ Tatsachen. Die soziale Technologie bezeichnet den Umstand, dass ein Experiment mit dem Apparat vor anderen vorgeführt wurde, um es mehr Menschen (d. h. in Boyles Fall in erster Linie Wissenschaftlern und der englischen ‚high society‘) zugänglich zu machen und es von ihnen beglaubigen zu lassen. Dies erhöhe den experimentellen Befund noch weiter, weil er durch das Kollektiv aus gebildeten Augenzeugen abgesichert war.[7] Erst durch die kollektive Bezeugung der unmittelbar anwesenden Personen gewinnen das Experiment und dessen Ergebnisse an Faktizität.
Um jedoch die Mehrheit derjenigen von den experimentellen Tatsachen zu überzeugen, die dem Experiment nicht beiwohnen konnten und auch nicht über die Möglichkeit verfügen, es selber zu wiederholen, bediente sich Boyle schließlich der literarischen Technologie des ‚virtual witnessing‘. Shapin und Schaffer verstehen darunter "the production in a 'reader’s' mind of such an image of an experimental scene as obviates the necessity for either direct witness or replication. Through virtual witnessing the multiplication of witnesses could be, in principle, unlimited“.[8] (Shapin und Schaffer, S. 60, Herv. im Orig.)
Das ‚virtuelle Bezeugen’ ermögliche so auch dem Publikum außerhalb des Labors durch literarische Beschreibung und naturgetreue Abbildung des Experiments, indirekt Zeug*innen des Experiments zu werden und den Hergang des Experiments vor ihrem inneren Auge‘ nachzuvollziehen. Dadurch, dass so umlimitiert viele Menschen Zeug*innen eines Experiments werden können, würden die experimentellen Befunde noch stärker als Tatsachen abgesichert. Die virtuelle Bezeugung ermöglichte so erst das Entstehen „eine[r] wissenschaftliche[n] Öffentlichkeit […], der die Rolle zukam, die experimentell erhobenen Tatsachen zu beglaubigen“[9] und verhalf so dem Aufstieg experimenteller Methoden im 17. Jahrhundert.
Merkmale des ‚virtual witnessing‘ bei Boyle
Boyle ermöglichte das ‚virtual witnessing‘ mit dem Schreiben eines Versuchsprotokolls (das Boyle als gleichermaßen wichtig wie das Experimentieren selbst erachtete[10]) sowie mit naturalistischen Zeichnungen, die den Zeug*innen als Ergänzung oder „visual assistance“[11] zum Text dienen sollten. Das ideale Versuchsprotokoll war für Boyle ein weitschweifiger Bericht über das Experiment in allen Einzelheiten. Diese Detailfülle sah er als notwendig an, weil sie erstens die Replikation des Experiments erleichterte und zweitens die Experimente den Lesenden unbekannt waren und daher die Beweise und Konklusionen gut kontextualisiert werden mussten, damit man ihnen traute. Drittens ermöglichte die extreme Ausführlichkeit überhaupt erst das virtuelle Bezeugen: „If one wrote experimental reports in the correct way, the rea- der could take on trust that these things happened. Further, it would be as if that reader had been present at the proceedings“.[12] Denn würde das Protokoll nur die Ergebnisse des Experiments anführen, könnten sich die Lesenden die experimentelle Szene nicht vorstellen. Durch den umfassenden Charakter des Protokolls können die Lesenden erst zu virtuellen Zeug*innen werden und sind dann in der Position, experimentelle Phänomene als Tatsachen zu validieren.[13]
Boyle scheute in seinen Versuchsprotokollen auch nicht vor extrem wortreichen, verklausulierten Sätze mit vielen Appositionen zurück: Diese sollten die Direktheit und Gleichzeitigkeit der Ge- schehnisse verdeutlichen[14], sodass das Beschriebene so realitätsnah wie möglich wirkte. Auch gescheiterte Experimente waren zu beschreiben, denn dies würde die Lesenden überzeugen, dass keine Informationen vorenthalten[15] und die Geschehnisse in ihrer Gesamtheit geschildert würden. Darüber hinaus helfe dies Boyle, sich als vertrauenswürdigen Mann von Charakter[16] zu inszenieren, da es suggeriert, dass seine eigenes Erkenntnisinteresse nicht die Objektivität seiner Forschung verzerre: „his accounts [served] as unclouded and undistorted mirrors of nature“.[17] Der trockene, unansprechende und komplizierte Stil des Versuchsprotokolls sollte funktional wirken und den Eindruck erwecken, dass man den Lesenden „‚the eye-glasses of a telescope‘“[18] aufsetzen würde, dass sie also wie mit eigenen Augen auf die Experimentierszene blicken könnten.
All diese stilistischen Entscheidungen dienten dazu, dass seinen Texten geglaubt würde, man un- eingeschränkt Zeug*in seiner experimentellen Erzählungen werden konnte[19] und die so etablierten Behauptungen auch als Tatsachen auffassen würde. Dabei ist es wichtig her- auszustellen, dass das Versuchsprotokoll nicht einfach ein Bericht ist „of what was done elsewhe- re; we are dealing with a most important form of experience and the means for extending and va- lidating experience“.[20] Das virtuelle Bezeugen stellt somit in erster Linie eine Technik dar, Erfahrung zu vermitteln und zu bestätigen.
Das anhand von Boyles historischem Beispiel entwickelte Konzept des ‚virtual witnessing‘ ist auch heute noch für die Wissensproduktion relevant. Denn: „The popularization of science is usually understood as the extension of experience from the few to the many“.[21] Diese Ausdehnung der Erfahrung aus einem kleinen Expert*innenkreis von Wissenschaftler*innen, die unmittelbar an einem Experiment beteiligt sind, auf ein breiteres Publikum wird über die Technik der virtuellen Bezeugung geleistet, da diese es – wie herausgestellt – ermöglicht, das Beschriebene vor dem inneren Auge so konkret nachzuvollziehen, dass man ihm Glauben schenkt. Über die ‚virtual witnessing‘-Technologie lassen sich so wissenschaftliche Konzepte in der Öffentlichkeit verbreiten.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass mithilfe der Technik des ‚virtual witnessing‘ eine „stellvertretende Erfahrung“[22] (Cunningham, S. 208, eig. Übers.) produziert werden soll, die den Leser*innen ermöglicht, ihre Zustimmung zu einem Sachverhalt zu erteilen, als ob sie tatsächlich dabei gewesen wären, als ein Experiment durchgeführt wurde.[23] (vgl. ebd., eig. Übers.) Historiker*innen und Wissenschaftssoziolog*innen haben Shapins und Schaffers Definition des ‚virtual witnessing‘ erweitert, sodass ‚virtual witnessing’ generell jeden Versuch umfasst, andere von einer wissenschaftlichen Erklärung zu überzeugen, ohne dass diese das Experiment oder überhaupt das Phänomen selbst erleben müssen.[24] (vgl. Kirby, S. 55, eig. Übers.).
So können auch andere Medienformen als wissenschaftliche Texte ‚virtual witnessing‘ ermöglichen wie z. B. Filme, die das Publikum die dargestellten Phänomene als real erleben lassen[25], oder Brettspiele. Zusammen mit materiellen und sozialen Techniken dient diese literarische Technik der Wissensproduktion dazu, die Gewissheit einer Tatsache zu verbreiten. Damit das ‚virtual witnessing‘ funktioniert, werden verschiedene sprachliche Mittel eingesetzt, die das Beschriebene für die Rezipient*innen so realitätsnah wie möglich wirken lassen, bspw. eine hohe Detailfülle oder bei Boyle ein komplexer Satzbau. Aber auch realistische Illustrationen oder (heutzutage in Versuchsprotokollen häufiger eingesetzt) Skizzen des Experimentaufbaus werden eingesetzt, um den Leser*innen zu ermöglichen, sich das Beschriebene genau vorzustellen.
Das hier dargestellte Konzept des ‚virtual witnessing‘ wurde von Steven Shapin und Simon Schaffer anhand des Beispiels von Robert Boyle und seinen Experimenten im 17. Jahrhundert herausgearbeitet. Boyles ausführliche Beschreibungen und detaillierte Illustrationen sollten selbst weit entfernten Wissenschaftlern ermöglichen, seine Experimente indirekt anzusehen[26] (vgl. Kirby, S. 55, eig. Übers.), sodass sie seine experimentellen Befunde beglaubigen konnten. Im Kern ermöglicht ‚virtual witnessing‘ somit abwesenden Rezipient*innen, ein Phänomen (wie bspw. ein Experiment) indirekt mitanzusehen oder mitzuerleben, indem es durch sprachliche Mittel so realitätsnah wie möglich dargestellt wird.
Zur Rolle von Vertrauen im Kontext wissenschaftlicher Forschung siehe auch Shapin, Steven (2004): "The way we trust now: The authority of science and the character of the scientist.“ Trust Me, I'm a Scientist, hg. von P. Hoodbhoy, D. Glaser und S. Shapin, S. 42-63, London: The British Council.
Belege
Virtual Witnessing am Beispiel e-Mission
- ↑ Shapin, Steven (1984): Pump and Circumstance. Robert Boyle’s Literary Technology. In: Social Studies of Science 14(4), S. 482. Online, zuletzt abgerufen am 06.09.2026.
- ↑ vgl. Shapin, Steven (1984): Pump and Circumstance. Robert Boyle’s Literary Technology. In: Social Studies of Science 14(4), S. 482. Online, zuletzt abgerufen am 06.09.2026, eig. Übersetzung.
- ↑ Shapin, Steven (1984): Pump and Circumstance. Robert Boyle’s Literary Technology. In: Social Studies of Science 14(4), S. 482. Online, zuletzt abgerufen am 06.09.2026.
- ↑ vgl. Shapin, Steven (1984): Pump and Circumstance. Robert Boyle’s Literary Technology. In: Social Studies of Science 14(4), S. 482. Online, zuletzt abgerufen am 06.09.2026.
- ↑ Gencarelli, Angela (06.05.2022): "Texts in Action". Zur epistemischen Funktion von Texten in der naturwissenschaftlichen Wissensproduktion. In: Medienobservationen, S. 4. Online, zuletzt abgerufen am 06.09.2026.
- ↑ Gencarelli, Angela (06.05.2022): "Texts in Action". Zur epistemischen Funktion von Texten in der naturwissenschaftlichen Wissensproduktion. In: Medienobservationen, S. 4. Online, zuletzt abgerufen am 06.09.2026.
- ↑ vgl. Gencarelli, Angela (06.05.2022): "Texts in Action". Zur epistemischen Funktion von Texten in der naturwissenschaftlichen Wissensproduktion. In: Medienobservationen, S. 5. Online, zuletzt abgerufen am 06.09.2026.
- ↑ Shapin, Steven; Schaffer, Simon (1985): Leviathan and the Air-Pump. Hobbes, Boyle, and the Experimental Life. Princeton: Princeton University Press, S. 60.
- ↑ Gencarelli, Angela (06.05.2022): "Texts in Action". Zur epistemischen Funktion von Texten in der naturwissenschaftlichen Wissensproduktion. In: Medienobservationen, S. 5. Online, zuletzt abgerufen am 06.09.2026.
- ↑ vgl. Shapin, Steven; Schaffer, Simon (1985): Leviathan and the Air-Pump. Hobbes, Boyle, and the Experimental Life. Princeton: Princeton University Press, S. 62.
- ↑ Shapin, Steven; Schaffer, Simon (1985): Leviathan and the Air-Pump. Hobbes, Boyle, and the Experimental Life. Princeton: Princeton University Press, S. 61.
- ↑ Shapin, Steven; Schaffer, Simon (1985): Leviathan and the Air-Pump. Hobbes, Boyle, and the Experimental Life. Princeton: Princeton University Press, S. 62f..
- ↑ vgl. Shapin, Steven; Schaffer, Simon (1985): Leviathan and the Air-Pump. Hobbes, Boyle, and the Experimental Life. Princeton: Princeton University Press, S. 63.
- ↑ Zur Rolle von Vertrauen im Kontext wissenschaftlicher Forschung siehe auch Shapin, Steven (2004): The way we trust now: The Authority of science and the character of the scientist. In: Hoodbhoy, P.; Glaser, S.; Shapin, S. (Hrsg.): Trust Me, I'm a Scientist, London: The British Council.
- ↑ vgl. Shapin, Steven; Schaffer, Simon (1985): Leviathan and the Air-Pump. Hobbes, Boyle, and the Experimental Life. Princeton: Princeton University Press, S. 64.
- ↑
- ↑ vgl. Shapin, Steven; Schaffer, Simon (1985): Leviathan and the Air-Pump. Hobbes, Boyle, and the Experimental Life. Princeton: Princeton University Press, S. 69.
- ↑ Shapin, Steven; Schaffer, Simon (1985): Leviathan and the Air-Pump. Hobbes, Boyle, and the Experimental Life. Princeton: Princeton University Press, S. 66.
- ↑ vgl. Shapin, Steven; Schaffer, Simon (1985): Leviathan and the Air-Pump. Hobbes, Boyle, and the Experimental Life. Princeton: Princeton University Press, S. 69.
- ↑ Shapin, Steven (1984): Pump and Circumstance. Robert Boyle’s Literary Technology. In: Social Studies of Science 14(4), S. 484. Online, zuletzt abgerufen am 06.09.2026.
- ↑ Shapin, Steven (1984): Pump and Circumstance. Robert Boyle’s Literary Technology. In: Social Studies of Science 14(4), S. 481. Online, zuletzt abgerufen am 06.09.2026.
- ↑ Cunningham, Richard (2001): Virtual Witnessing and the Role of the Reader in a New Natural Philosophy. In: Philosophy & Rhetoric 34(4), S. 208. Online, zuletzt abgerufen am 06.09.2026.
- ↑ Cunningham, Richard (2001): Virtual Witnessing and the Role of the Reader in a New Natural Philosophy. In: Philosophy & Rhetoric 34(4), S. 208. Online, zuletzt abgerufen am 06.09.2026.
- ↑ Kirby, David A. (2003): Science Advisors, Representation, And Hollywood Films. In: Molecular Interventions 3(2), S. 55.
- ↑ Kirby, David A. (2003): Science Advisors, Representation, And Hollywood Films. In: Molecular Interventions 3(2), S. 55.
- ↑ Kirby, David A. (2003): Science Advisors, Representation, And Hollywood Films. In: Molecular Interventions 3(2), S. 55.
